Deutsche Meisterschaft THS des VDH in Ladenburg am 14.10.2018

„Das war mega!“ 

Also stand ich da nun, nervös bis zum ‚Geht-nicht-mehr‘. Ein dicker Schmetterling flatterte in meinem Bauch, meine Knie zitterten und mir war ‚kotzübel‘. 

An einem viel zu warmen Oktobermorgen, Sonntags morgen um halb acht, war ich bereit. Hinter mir, jede Menge aufgeregte Zuschauer, und vor mir Manfred, genannt die ‚Klinge‘, einer unserer härtesten Richter. Ich betrat Ring 2 und meldete mich an: „Hundeführer Gerold Weiß mit Odry zu den Gehorsamsübungen.“ Gott, war mir schlecht.

Ein Jahr lang hatte ich mich auf diesen Tag vorbereitet, hatte trainiert, war Turniere, Landesmeisterschaften und Bundessiegerprüfung gelaufen, um mich hier in Ladenburg mit den Besten aus ganz Deutschland im Vierkampf zu messen. Allein hier starten zu dürfen, ist eine Ehre! Mein Ziel war es, mit einer Leistung, mit der ich zufrieden sein konnte, vielleicht auf dem 6. oder 7.Platz, abzuschließen. Kein Druck aufbauen, den Tag und den Wettkampf genießen. 

Die erste Diszilpin waren natürlich die Gehorsamsübungen. Ich wusste, dass ich mich auf Odry verlassen kann, sie ließ mich nie hängen. Aber an diesem Morgen war sie fürchterlich aufgekratzt. Die Ringe für die Gehorsamsübungen lagen direkt neben dem Aufwärmgelände, von dem immer wieder Befehlsfetzen wie ‚Sitz‘, ‚Fuß‘ und ‚Platz‘ herüberwehten. Das Publikum stand bis dicht an die Ringe heran. Schon etliche Teams waren bewertet worden und es schien so, als fühlten sich alle unterbewertet und schimpften teilweise laut darüber. Scheinbar belastete diese Stimmung nicht nur mich, sondern auch Odry.

Schließlich gab Manfred den Platz für uns frei. Wir marschierten gleich los: Odry war an meiner linken Seite in der richtigen Position, aber ein wenig weiter weg als sonst. Ich spürte ihre Unruhe. Trotzdem kamen die Wendungen an den richtigen Stellen und auch in den Winkeln hielt sie ihre Position gut. Sitz, Platz und Steh nahm sie sofort an, beim Hereinkommen war sie schnell und sie saß auch gerade vor und dann neben mir, einzig ihr Abstand zu mir war vielleicht 5 cm größer als üblich. 

Erleichtert begab ich mich zum Richter: Manfreds Urteil kam schnell: „Ich kenne ja Deinen Hund jetzt auch schon recht gut!“ („Was nicht Immer ein Vorteil ist!“, dachte ich mir). „Heute war sie ein wenig weit weg von Dir!“ („Mist!“, er hatte es natürlich bemerkt.) „Ansonsten ….“ Es folgte die Bewertung der unterschiedlichen Übungsteile. Im Grunde genommen hatten wir alles richtig gemacht, lediglich war Odry, für Manfreds Geschmack, immer ein wenig weit weg von mir. Er endete mit den Worten: „Heute habt ihr 52 Punkte erreicht!“ 

Zuerst war ich natürlich ein wenig enttäuscht, aber bei den Bewertungen der anderen Starter sah ich, dass Manfred eine klare Linie hatte und alle gleich beurteilte. Am Ende hatte ich immerhin die zweitbeste Benotung von allen Startern meiner Altersklasse bekommen. Manfred, die ‚Klinge‘, war streng, aber fair!

Anschließend hatten wir etwa 1 Stunde Pause. So konnte ich mir das Römerstadion in Ladenburg in Ruhe anschauen. Ein gepflegter Rasenplatz in der Mitte, mit saftigen Grün, war umgeben von einer Tartanbahn für Leichtathleten. Ein großer Sandkasten für Weit – und Dreispringer, mehrere Nebenplätze und eine große, helle Zuschauertribüne. Ein Ort, an dem man nicht alle Tage starten darf und ein würdiger Rahmen für die Deutsche Meisterschaft des VDH im Turnierhundsport.

Nachdem ich mich umgezogen hatte – es war mittlerweile etwa 15 Grad warm geworden – begann ich mich aufzuwärmen. Seit verschiedenen Muskelverletzungen mache ich das sehr gründlich! 

Zum angegebenen Zeitpunkt traf sich unsere Gruppe am Start zum Hürdenlauf auf der großen Rasenfläche in der Mitte des Stadions. Offensichtlich hatten die Verantwortlichen den Platz noch einige Male vorher gut gewässert, denn wir sanken bei jedem Schritt ein wenig ein und auch der Rasen war für unseren Sport ein wenig hoch. Schwerer Boden, jeder Lauf wurde dadurch erschwert!  

Die meistens Jungs schafften das ganz souverän, einige jedoch rissen eine Stange oder erhielten Strafpunkte, weil der Hund einige Zentimeter zu weit vor war. 

Odry hatte sich mittlerweile beruhigt und spielte ihre in mehreren Jahren erworbene Turnierroutine aus. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass wir auf dem riesigen Platz ziemlich weit weg vom Publikum waren und es hier erstaunlich ruhig war. Auf jeden Fall war unsere Laufzeit gut und wir holten auch keine Strafpunkte.

Frank, der die höchste Punktzahl im Gehorsam hatte, erwischte es böse. Er ging wohl etwas zu motiviert an die Sprünge heran und zerrte sich die Leiste. Unfähig, weiter zu laufen musste er verzweifelt aufgeben. 

Im Slalom wurde der schwere Boden zur Qual. Dazu kam der, zwischen den Torstangen, l aufgerissene Boden, der dazu aufforderte, uns auf die Nase zu legen. Aber ‚Denkste!‘, Boden. Wir meisterten unsere Aufgabe, vielleicht manchmal mit der Grazie eines Rüsseltieres, aber keiner fiel oder verletzte sich dabei. Mario, der Deutsche Meister aus dem Vorjahr, erteilte uns hier eine Lehrstunde: Ich suchte förmlich nach kleinen Flügeln an den Fußgelenken, so leichtfüßig ‚flog‘ er über den Parcour. 

Die letzte Disziplin war der Hindernislauf. Seit Odry vor drei Jahren bei der Bundessiegerprüfung das letzte Hindernis ausgelassen hatte, war das meine Angstdisziplin. Deshalb gebe ich bei jedem Hindernis für Odry einen Befehl (‚Hopp‘, ‚Durch‘, etc.). Aber Odry nahm jedes Hindernis, und auch ich zeigte, unglaublich motiviert, zwei meiner schnelleren Läufe. Trotzdem war, als ich durchs Ziel lief, war mein erster Gedanke: “Ich werde zu alt für den Sch…!“

In all den Jahren lernte ich die Leistungen meiner Konkurrenten einzuschätzen. Mario stürmte hier nur so den Hindernisparcour entlang. Und auch Volker, der vor drei Jahren Deutscher Meister geworden war, zeigte wieder eine Top-Leistung. Aber die anderen Jungs hatten fast alle schon einmal gepatzt. Sollte es noch einmal möglich sein, auf das Siegerpodest zu klettern ? Lag der dritte Platz zum zweiten Mal in erreichbarer Nähe ? Das wäre der schiere Wahnsinn!

Nach den Läufen blieben ein paar von den Jungs noch auf der Platzanlage. Wir gratulierten uns untereinander. Wir hatten uns einen tollen Wettkampf geliefert. Das ist eine der schönsten Dinge im THS: Wir können uns gegenseitig den Erfolg gönnen. Das soll ja nicht in allen Sportarten der Fall sein. Wir waren uns alle sicher, dass Mario heute wieder der Deutsche Meister geworden war. Aber wer war zweiter? Wer war dritter ? 

Volker und ich sehen uns uns immer wieder auf den überregionalen Prüfungen und sind im Laufe der Jahre richtig gute Freunde geworden. Mal hat er den besseren Tag, mal ich. Da wir das Ergebnis erst Stunden später, bei der Siegerehrung, erfahren sollten, saßen wir den halben Tag zusammen und fachsimpelten, wer heute von uns der bessere gewesen war. Volker sah mich vorn, ich sah Volker vorne. Uns war es eigentlich egal, wer von uns zweiter und wer dritter werden sollte, wenn wir denn beide auf dem Treppchen stehen würden.

Gegen 17.00 Uhr war es dann soweit: Die Siegerehrung begann! Traditionell marschieren wir in einem langen Zug, nach Verbänden getrennt, unter Musik in das Stadion ein. In diesem Moment fühlt man sich, als ob man bei der Olympiade ist.

Das Publikum beklatschte uns, die Hunde ‚bebellten‘ uns und hier und da schwenkte auch jemand eine Fähnchen. Obwohl immer nur die drei ersten Plätze aufgerufen wurden, dauerte es fast eine Stunde bis unsere Altersklasse verkündet wurde: Erwartungsgemäß war Mario erster geworden, Volker wurde dritter und ich zweiter. Wahnsinn! Wir jubelten unwahrscheinlich. Der Druck des gesamten Jahres fiel von mir ab und ich kannte nur noch Freude, ein unglaubliches Gefühl der Freude! Noch auf dem Treppchen gratulierten wir uns gegenseitig aus ehrlich empfundenem Respekt. Kein Neid, keine Missgunst! 

Jetzt mag es einige geben, die sagen:’Aber du bist doch nur Zweiter geworden!’… 

Leute, ich bin Zweiter geworden!! Das ist unglaublich toll, das ist mega !!

G.Weiss

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